Spielzeugfreie Zeit in der Kita Herrenhaus

© Magda Ehlers
Veröffentlicht am Sa., 25. Jul. 2020 12:36 Uhr
Neuigkeit

Viele Jahre lang führte die Kita Herrenhaus alle zwei Jahre eine „Spielzeugfreie Zeit“ durch. Zuletzt geriet dieses besondere Projekt leider in Vergessenheit. Fragt man ehemalige Mitarbeiter oder Kita – Familien, die das Projekt miterlebt haben, hört man stets, wie viele positive Erinnerungen alle mit dieser Zeit verbinden. Die Mitarbeiter konnten die Kinder in ihrer Persönlichkeit viel intensiver wahrnehmen und haben deutlich gespürt, wo die Bedürfnisse der Kinder lagen. „Spielzeugfrei“ heißt für die Kinder, dass sie ihr Spielzeug in den Urlaub schicken. Wenn wir im Urlaub sind, werden wir mit einer völlig neuen Situation konfrontiert. So ist es auch für die Kinder. Die Idee „Spielzeugfreier Kindergarten“ ist nicht neu und nicht in der Kita Herrenhaus entstanden. Bereits in den 90er Jahren entstand sie aus der gesellschaftskritischen Sicht, dass die Kinder in ihrem Alltag und in ihrer Freizeitgestaltung mehr und mehr durchgeplant sind, und aufgrund der Wahrnehmung, dass das Konsumverhalten stetig zunimmt. Man überlegte, dass die Kinder ohne die klassisch zur Verfügung stehenden Spielzeuge einen eigenen, kreativen Weg finden würden, ihre Fähigkeiten zur Problemlösung zu entwickeln. Die „Spielzeugfreie Zeit“ ist Teil der Suchtprävention. Kinder haben heute sehr viele Möglichkeiten der Beschäftigung. Die meisten Kinderzimmer sind voll mit allem, was das Herz begehrt. Die „Spielzeugfreie Zeit“ soll verhindern, dass schon im Kindesalter verlernt wird, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Wenn Kinder früh lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und sinnvoll zu befriedigen, werden sie auch im Erwachsenenalter in der Lage sein, sich ausdauernd mit sich auseinanderzusetzen und zu beschäftigen. Die Kinder werden in ihrer eigenen Persönlichkeit gestärkt, Kreativität, Sprache, kognitive Fähigkeiten und Selbstwahrnehmung werden gefördert. Sie entwickeln Selbstvertrauen und Frustrationstoleranz. Diese Fähigkeiten schützen sie vor einer möglichen Suchtgefährdung. Die Kinder stehen mit ihrer Persönlichkeit im Mittelpunkt: „Ich bin!“ lautet das Motto und nicht „Ich habe!“ Die Mitarbeiter der Kita Herrenhaus entwickelten die Idee und entschlossen sich wieder eine „Spielzeugfreie Zeit“ durchzuführen. Auch aus der Elternschaft war regelmäßig die Frage danach aufgekommen. Zunächst wurden die Eltern über einen Elternbrief informiert und zu einem Elternabend eingeladen. Viele Eltern freuten sich auf das Projekt und sahen der 15 Zeit mit Spannung entgegen. Natürlich gab es auch einige Unsicherheiten und Sorgen: Wird mein Kind sich in der Kita langweilen? Werden in der Zeit alle Regeln über den Haufen geworfen – können die Kinder also sprichwörtlich „machen, was sie wollen?“. In den Tagen vor Beginn des Projektes wurden auch die Kinder informiert. Einige ältere konnten sich noch erinnern, dass sie so eine Zeit schon einmal in der Kita erlebt hatten. Viele Kinder sahen dem Projekt mit Spannung entgegen. Gespannt, was da so auf sie zukommen würde. Ab dem 10. Februar 2020 ging es dann los. Die Kinder durften im Morgenkreis in ihren Gruppen entscheiden, welches Spielzeug als erstes rausgewählt werden sollte. Einige Kinder machten Vorschläge, gemeinsam stimmten sie dann ab. Das klappte erstaunlich gut und innerhalb von zwei Wochen leerten sich auf diese Weise die Räume. Von nun an verhielt sich die Situation in jeder Gruppe ganz unterschiedlich: In der Krippengruppe begannen die Kinder Rollenspiele zu spielen und miteinander zu kommunizieren. In einer Elementargruppe wurden die Kinder sehr kreativ, brachten sich Kartons, Joghurtbecher und andere Materialien von Zuhause mit und arbeiteten täglich weiter an ihren Projekten. In der zweiten Elementargruppe dauerte der Findungsprozess etwas länger. Die Kinder brachten täglich Eierpappen, Kartons und vieles mehr mit. Doch jeden Tag war spätestens mittags alles kaputt. Das sorgte zum einen für große Langeweile: Womit soll ich mich beschäftigen, wenn nichts da ist? Und zum anderen sorgte dieser Umgang mit den Materialien für großen Frust bei den Kindern, die sie mühevoll gesammelt und mitgebracht haben. Es musste viel geklärt, geregelt und getröstet werden. Aber plötzlich machte es scheinbar auch in dieser Gruppe „klick“ und die Kinder wurden kreativ, phantasievoll und sehr ausdauernd in ihren Projekten. Viele Kinder brachten sich nun einen eigenen Karton mit und arbeiteten tagelang daran, ihn zu gestalten. Es war toll, nun die Freude aller Kinder in der Einrichtung beobachten zu können. Leider beendete die Corona – Pandemie dieses erfolgreiche Projekt ungeplant und sehr plötzlich. Doch das Kita Team hat sehr positive Erfahrungen mit der „Spielzeugfreien Zeit“ gemacht und möchte dieses Projekt in regelmäßigen Abständen wieder aufleben lassen, sodass jedes Kind in den Genuss dieser besonderen Zeit kommen kann.

Yvonne Laub

Bildnachweise: